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Brain-Gym – effektives Training für Körper und Geist oder hampeln for nothing?

September 3, 2013 | Von: Andreas Schulz | Kategorie: Lernen lernen, Lernschwächen

Brain-Gym - Bewegungsübungen zur LernunterstützungSie waren in den 90er Jahren stark verbreitet und werden auch heute noch in vielen Schulen, vornehmlich Grundschulen, zu Unterrichtsbeginn absolviert: Bewegungsübungen für Schüler, oft Gehirngymnastik genannt, die das Lernen unterstützen sollen. Brain-Gym nennt sich dieses Programm aus 26 Körperübungen, das sich der Freiburger Verlag VAK markenrechtlich hat schützen lassen. Befürworter heben hervor, dass sich mit Brain-Gym Lern-, Konzentrations- und Gehirnleistungen aktivieren und verbessern lassen. Zudem ließen sich Lernblockaden lösen, worunter so komplexe Problembereiche wie die Lese-Rechtschreibschwäche, die Rechenschwäche oder die Auswirkungen von Aufmerksamkeitsstörungen gefasst werden.

Welche Übungen das sind, zeigt folgendes Video:

Die Form der Ausführung ist einfach (nicht unbedingt die Übungen), weshalb sie gerne auch in Lehrerfortbildungen demonstriert und als Bewegungselement aufgenommen werden.

Aufgesetzt wird auf die Vorstellung, durch die Übungen werde das Zusammenspiel von linker und rechter Gehirnhälfte verbessert, deren eine rational und analytisch, die andere emotional und intuitiv arbeite. Kritiker von Brain-Gym merken an, eine solche Funktionsaufteilung gilt in den Neurowissenschaften längst als überholt, stoße aber in der Öffentlichkeit immer noch auf hohe Akzeptanz. Brain-Gym wurde bereits in den frühen 1980er Jahren von dem amerikanischen Pädagogen Paul Dennison entwickelt und diese Vorstellung damals durchaus noch in der Fachwelt vertreten wurde. Allerdings versteht sich Brain-Gym als pädagogische Anwendung der Kinesiologie, der sogenannten Edu-Kinestetik (Kinesiologie).

Ein weiterer Kritikpunkt an Brain-Gym zielt auf deren Funktion als pädagogische Anwendung der Kinesiologie, der sogenannten Edu-Kinestetik (Kinesiologie). Die Kinesiologie fußt wie die Traditionelle Chinesische Medizin auf mythischen Vorstellungen einer kosmischen Energie namens Qi, die den Körper durchströmt. Ist dieser Energiefluss gestört, kommt es zur Krankheit – oder eben zu Lernblockaden. Viele Anwender der Übungen gehen ganz pragmatisch mit den Übungen um und blenden diese Vorstellung aus.

Brain-Gym – Belege für praktische Wirksamkeit fehlen

Einer der Hauptkritikpunkte: Brain-Gym folge letztlich einem mechanistischen Weltbild, bei dem Lernschwierigkeiten ausschließlich personenimmanente Ursachen in körperlichen Dysfunktionen hätten. Gleichzeitig wird der Eindruck erweckt, man könne erwünschte Fähigkeiten beliebig „anschalten“ („Gehirnknöpfe“, „Positive Punkte“), wenn man nur den Übungen folgt. Dabei fehlen bis heute jegliche Belege für die Theorie oder die praktische Wirksamkeit. Babro Walker, eine Darmstädter Pädagogin, die sich 2004 und auch in den Folgejahren immer wieder kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt hat, verweist auf den heutigen Forschungsstand: Demnach arbeitet das Gehirn immer komplett und immer als Ganzes. Einzelne Areale können sich nicht abschalten und können auch nicht aktiviert werden. Beide Hirnhälften sind immer verbunden und auch nicht wirklich unterschiedlich; zumindest nicht in der absoluten Form, wie es in den Gymnastikbüchern behauptet wird. Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn wissenschaftliche Studien, die untersucht haben, ob diese Übungen einen Effekt haben, keinen finden konnten (zum Beispiel in „Stressreduktion und Leistungsverbesserung – Hält Brain-Gym, was es verspricht?” von Logen, A., Fügemann, C., Minsel, W.-R. & Stephan, E. (2004) in „Report Psychologie” 29 (10), Seiten 602 – 608). Bereits 1997 hat das bayerische Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung darauf hingewiesen, dass Edu-Kinestetik einem eindeutig esoterischen Ansatz folgt und nicht in Schulen vertreten werden dürfe (mehr hier).

Was also soll man als Mutter oder Vater tun, wenn man mitbekommt, dass in der Schule Brain-Gym-Übungen mit dem Sohn oder der Tochter absolviert werden? Die Übungen schaden dem Kind nicht, man könnte es also laufen lassen. Es ist allerdings legitim nachzufragen und mit dem jeweiligen Lehrer kritisch über diese Übungen zu diskutieren. Sollte es im Unterricht nur darum gehen, eine ruhige Arbeitsatmosphäre und eine Aufnahmebereitschaft der Schüler herzustellen, ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung eine Alternative, die wissenschaftlich gut abgesichert ist.

Und was wird in der Schule Ihrer Kinder getan, um die Aufnahmebereitschaft der Schüler zu stärken? Was halten Sie als Lehrerin für sinnvoll und welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht? Über Beiträge und Kommentare hierzu freuen wir uns.

Eine Übersicht über kritische Auseinandersetzungen zum Thema finden Sie zudem bei Schuhbeck.

Stichworte: Edu-Kinestetik, Gehirngymnastik